Erstellt am: 10.06.2009 11:58, Kommentare: 0
Christoph Hartmann im Interview mit dem Kulturmagazin Opus
Arbeitstitel: Dr. Christoph Hartmann (FDP)
1. Worin besteht für Sie die Kultur des Saarlandes?
Kultur ist für mich das, was die Eigenständigkeit, das Spezifische einer Gesellschaft ausmacht. Darüber hinaus ist hier die Breitenkultur (z.B. Vereine) prägend und entscheidend. Hinzu kommen Veranstaltungen, die das Spezielle des Saarlandes ausmachen, wie Perspectives, Musikfestspiele, die Radio Philharmonie, Max Ophüls, wo also Spitzenkultur hier im Saarland stattfindet.
2. Welche Einrichtungen sind für das Profil unseres Landes wichtig?
Max Ophüls ist ein echter Leuchtturm. Besonderheiten entwickeln sich durch Abgrenzung. Es geht um Dinge, die wir exklusiv haben, mit denen das Saarland sich von anderen Bundesländern abhebt: Die eben genannten Events gibt es z.B. nicht in Rheinland-Pfalz.
3. Welchen Stellenwert nimmt Kultur in Ihrem alltäglichen Leben ein?
Weil ich eine 80 Stunde-Woche habe, finde ich nicht immer genügend Zeit, alle Veranstaltungen zu besuchen, die ich spannend finde. Aber das Thema ist immer sehr präsent: Meine Frau hat Kunst studiert, ich selbst habe elf Jahre Klavier gespielt. Vor diesem Hintergrund spielt Kultur für mich eine große Rolle. Leider hat der liebe Gott mir nicht genug Talent mitgegeben für eine künstlerische Karriere.
4. Welchen Einfluss hat Kultur auf Ihr politisches Handeln?
Ich denke, man kann Kultur nicht auf den politischen Aspekt verkürzen. Für mich ist es vielmehr die Frage, welchen Einfluss die Kultur auf die Lebenseinstellung hat. Davon zu unterscheiden ist die Frage nach der politischen Kultur, die sehr stark unter die Räder gekommen ist. 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg hat eine große Volkspartei Personen bzw. Wähler als Tiere karikiert, ausgerechnet eine Partei, die selbst unter Ausgrenzung und Verfolgung gelitten hat. Das ist eine solche Verrohung der politischen Sitten, die mich persönlich sehr trifft, zumal diese Partei mit ihrem eigenen Erbe nicht so umgeht, wie es angemessen wäre. Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass Kultur dazu da ist, um Einstellungen einzuüben. Wann denken wir wirklich über unser Leben nach? Hauptsächlich wenn Schicksalsschläge passieren, bei einem tiefgehenden Gespräch mit Freunden und bei kulturellen Anstößen, zum Beispiel wenn man im Theater sitzt und sich das Stück „Besuch der alten Dame“ von Dürrenmatt ansieht und sich anschließend fragt, wie viele derer „von Güllen“ kennst du eigentlich? Ohne diese kulturellen Anstöße würde man solche Fragen nicht stellen und nicht so aufmerksam in die Welt schauen. Diese Anstöße sind wichtig, um grundsätzlich über das Leben nachzudenken. Insofern beeinflusst Kultur nicht nur mein politisches, sondern mein gesamtes Handeln.
5. Welche Kulturveranstaltungen haben Sie zuletzt besucht?
Die letzten von mir besuchten Kulturveranstaltungen waren die Eröffnung der Musikfestspiele in der Alten Schmelz und ein Konzert der Radio Philharmonie. Ich bin ein Musikfan. Ich habe zwei Jahre in Wien studiert. Das hat Spuren hinterlassen. Hätte ich da nicht alles Kulturelle mitgenommen, hätte ich mir selbst den Vorwurf machen müssen, ein Kulturbanause zu sein.
6. Sie sagten bereits, dass Sie elf Jahre Klavier gespielt haben. Welche erste wichtige Begegnung hatten Sie mit der Kultur?
Schon als wir klein waren legten unsere Eltern sonntags beim gemeinsamen Frühstück klassische Musik auf. Sinfonien oder Konzerte habe ich immer als schön empfunden. Mit 13 oder 14 habe ich zufällig „Nessun dorma“ gehört, war begeistert und habe mir dann einen Zugang zur Oper erarbeitet. Klavier spielen zu können, hat mir den Zugang dabei erleichtert. Wir hatten ein Wochenendhaus im Sauerland und dort lief häufig Beethovens Pastorale. Wenn morgens die Sonne aufgeht und die Vögel zwitschern, dann denke ich immer an Beethoven.
7. Wie machen Sie Ihre Kinder neugierig auf Kultur?
Meine Kinder sind inzwischen in einem Alter (drei und fünf Jahre), in dem sie Zugang zur Kultur haben. Im Auto und beim Sonntagsfrühstück hören wir immer klassische Musik. Das Museum bietet monatlich bekanntlich die Möglichkeit, Kinder mit Kunst vertraut zu machen. Diese Möglichkeit nehmen wir häufig wahr, sozusagen als kultureller Familienausflug.
8. Was war der kulturelle Aufreger der letzten Legislaturperiode?
Ich finde den Hickhack um den Vierten Pavillon sehr schade. Es gibt Argumente, etwa die Folgekosten, die gegen den Vierten Pavillon sprechen, die als solche auch ernst zu nehmen sind. Für mich persönlich haben in der Abwägung die positiven Aspekte überwiegen. Mich stört aber, dass, wenn man sich einmal dafür entschieden hat, das Projekt dann zerredet wird – so wird die Kulturlust schnell zum Kulturfrust. Ich vermisse da die sachliche Auseinandersetzung. Es geht darum, ein finanziell überschaubares Millionen-Projekt zu realisieren, nicht mehr und nicht weniger. Zu einer solchen sachlichen Diskussion gehört es auch, mögliche Vorteile wahrzunehmen, nicht etwa zu ignorieren. So könnten etwa durch hochmoderne energetische Konzepte die Folgekosten deutlich eingeschränkt werden, zumal bekannte Persönlichkeiten - OPUS berichtete darüber – sich auf diesem Gebiet engagieren.
9. Welche großen Kultur-Projekte stehen in der neuen Legislaturperiode an?
Es muss uns gelingen, noch einmal das Thema Kultur in das Bewusstsein der Menschen zu bringen. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten, die in einem ersten Schritt nicht zwangsläufig Geld kosten müssen. Einmal pro Legislaturperiode sollte es von der Landesregierung einen Kulturbericht plus Regierungserklärung zum Thema geben. Sodann benötigt die Radio Philharmonie eine Heimat. Die Landesregierung hat zugesagt, für jeden privat eingeworbenen Euro einen Euro draufzulegen. Es liegt jetzt an der privaten Seite, möglichst viel Geld aufzutreiben, um auch die Landesregierung unter Zugzwang zu setzen. Zum Dritten müssen wir das kulturelle Profil des Saarlandes vor dem Hintergrund der bisher erreichten Anstrengung schärfen. Etwa müssen wir im Umkreis des Max Ophüls-Festival alles dafür tun, dass Saarbrücken als Filmstadt vorhandenes Potential auch ausschöpft - etwa in der Zusammenarbeit mit den Kunsthochschulen oder durch die Gründung einer Filmakademie. Natürlich müssen wir auch darüber diskutieren, wie Stadt und Land hinsichtlich der Standorte besser kooperieren können. Wir müssen dem Standortcharakter der Landeshauptstadt gerecht werden.
10. Kultur ist inzwischen ein harter Wirtschaftsfaktor! Im bundesweiten Durchschnitt sind die Ausgaben für Kultur im Saarland am geringsten. Wo sehen Sie Chancen durch Kulturförderung Arbeitsplätze zu schaffen?
Ich habe ja soeben mit dem Thema Filmstadt Saarbrücken angedeutet, in welche Richtung unsere Überlegungen zielen. Die Kulturindustrie als Ganze ist ein Faktor, den man stärker beachten muss. Im Weltkulturerbe Völklinger Hütte funktioniert vieles bereits ausgezeichnet. 2007 sind bereits über 230.000 Besucher gekommen. Dort ist das Saarland gut aufgestellt, auch wenn es wahnsinnig viel Geld kostet. Dort könnte man durchaus noch zusätzliche Möglichkeiten einer Belebung ins Auge fassen.
11. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Bildung und Kultur?
Bildung bedeutet nicht nur Faktenwissen, sondern auch Herzensbildung.
12. Wodurch zeichnet sich für Sie ein glaubwürdiger Politiker aus?
Ein glaubwürdiger Politiker nennt die Dinge, die anstehen, beim Namen und redet nicht um den heißen Brei herum. Er macht keine Versprechungen, die er ohnehin nicht einhalten kann und schließlich arbeitet er die Agenda sachlich ab.
13. Bitte um eine kurze Antwort: Warum sollen Saarländer und Saarländerinnen Sie wählen?
Weil wir die einzige Partei sind, die sagt, wir brauchen eine florierende Wirtschaft, um für Kultur, Bildung und soziale Sicherheit das Geld zur Verfügung zu stellen, das auch notwendig ist. Weil wir die einzige Partei sind, die als Kulturpartei die Freiheit in den Mittelpunkt stellt und die sagt, Freiheit ist das wichtigste politisch Gut. Wenn der Künstler keine Freiheit hat, hat er keine Luft zum Atmen.
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